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Wallraff beim Vortrag in Graz [jotdot, www.flickr.com (Jan Hestmann)]

Wallraff in Graz - (c) Jan Hestmann

 

Er betrachtet seine Reportagen ganz offen als nicht objektiv. Er lehnt es ab, für Dichand zu schreiben. Er steckt im Grundwehrdienst Blumen in Gewehrläufe. Und er will auch noch in Altersheimen undercover unterwegs sein. – Ein Mann der Tat. Und ein Mann mit vielen Gesichtern: Günter Wallraff, Enthüllungsjournalist.

Peter Lustig für Große

21. Jänner, gegen 20 Uhr, Grazer Kammersäle. Anzüge und Krawatten sitzen in der reservierten ersten Reihe, Perlenketten und Seidenschals. Auf dem Podium sieht es jedoch entspannter, bodenständiger aus: Lederjacke, graues, legeres Shirt und Jeans. Die Stimme von niemandem geringeren als Günter Wallraff klingt klar und bestimmt durch den Raum. „Er sieht aus wie Peter Lustig“, sagt jemand in der dritten Reihe. Gar nicht so abwegig, dieser Vergleich: Die freundlichen, aufgeweckten Augen, die vielen Fältchen, die Kopfinsel, die aus dem seichten Haarmeer hervorragt. Nur die Kleidung will nicht so ganz in das Schema des freundlichen, gemütlichen, alten Mannes passen. Doch in gewisser Weise ist Wallraff tatsächlich für Erwachsene ein wenig das, was Peter Lustig für die Kleinen ist: Aufklärer und Wahrheitsfinder.

Seit den 70er Jahren ist der 67-Jährige dafür bekannt, sich mit falscher Identität in Unternehmen und Institutionen einzuschleichen und Reportagen aus der Sicht der Arbeitenden zu verfassen. Durch seine Veröffentlichungen wurden bisher zahlreiche Skandale publik, von unsauberen Recherchetechniken bei der Bild-Zeitung über Verletzungen elementarer Arbeitsschutzregeln bis hin zu Sicherheitsmängeln und Hygienemissständen.

Der investigative Journalismus scheint Wallraff im Blut zu liegen. Er selbst weiß allerdings nicht genau, welche Bezeichnung er sich und seiner Arbeit geben soll:

„Klügere haben sich darüber Gedanken gemacht und haben das eingeordnet unter dem Begriff Dokumentarliteratur. Einige sprechen sogar von Aktionskunst. Ich finde, das ist eine ganz ursprüngliche Form der Reportage, die im Amerikanischen angefangen hat. Und ich bin auch mein eigener Schauspieler und Dramaturg gleichzeitig. Die Sache ist sicher eine Mischform.“

Was Wallraff geworden wäre, wenn es ihn nicht in den Journalismus verschlagen hätte?

„Landschaftsgärtner, Ethnologe, Aussteiger, Obdachloser.“

Das ist keine Lüge

Menschlichkeit, Zivilcourage, Ausdauer, Beharrlichkeit und ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden zählt Wallraff zu den Qualitäten, die ein guter Journalist besitzen muss. An erster Stelle steht für ihn allerdings die Wahrheitsliebe – seine Maskierungen sind ihm zufolge keine Verschleierung der Wahrheit:

„Das ist keine Lüge. Ich werde mehr ich selbst in der Rolle, als wenn ich in der angestammten bin – höchste Privilegien, prominenzverbunden, das ist die unechtere Rolle in einer Gesellschaft. Und wenn ich dahin zurückkehre, wo ich diese Privilegien ablege, dann ist das keine Verstellung, dann bin ich ich. Wenn ich andere Papiere nehme, dann dient das der Wahrheitsfindung.“

Wallraff sagt, er maskiere sich, um unsere Gesellschaft zu demaskieren.

Wallraffs Untersuchungen ziehen sich üblicherweise über mehrere Monate hin. Für seine jüngste Reportage schlüpfte er für ein ganzes Jahr mithilfe einer speziellen Schminktechnik in das Leben eines Dunkelhäutigen. Ohne die finanziellen Mittel, die Wallraff zur Verfügung hat, wären Recherchen über einen so langen Zeitraum unmöglich. Aus diesem Grund wurde von Wallraff nun eine Stiftung ins Leben gerufen, die auch weiterhin qualitativen investigativen Journalismus in Wallraffscher Manier garantieren soll. Ambitionierte Journalisten können sich mit Aufdeckungsprojekten an diese Stiftung wenden und werden ein Jahr lang finanziell unterstützt.

„Normalen“ angehenden Journalisten rät Wallraff jedoch vor allem eines:

„Lernt noch einen anständigen zweiten Beruf. Werdet nicht abhängig. Spezialisiert euch, lernt euch auf einem Gebiet ein, lernt Sprachen, studiert zusätzlich noch eine Sache zu Ende. Und nicht darauf alleine verlassen, da kommt man so schnell in Abhängigkeit. Broterwerb, Familie und so weiter – man ist darauf angewiesen und dann muss man vielleicht Sachen machen, die man vielleicht nicht mehr verantworten kann.“

Ein Diplom für den Journalisten hält Wallraff für nicht unbedingt nötig:

„Es kommt auf die Glaubwürdigkeit und die Wahrhaftigkeit an. Es gibt manche, die haben’s nicht erlernt, ich hab’s auch nicht erlernt. Ich habe keinen Journalismus erlernt, ich hätte in der damaligen Zeit wohl manches verlernt, was ich mir angeeignet hatte. Damals war das nämlich noch eine finstere Angelegenheit in Deutschland: Da waren noch welche aus dem Dritten Reich, die das Ganze beherrschten, da war anpassen noch sehr angesagt.“

Empörung macht sich breit, wenn Wallraff erzählt, dass Vorlesungen mit rassistischen Inhalten damals ohneweiters geduldet wurden.

Wallraff goes Facebook

Einmal auf den kaum übersehbaren Button „Ein Fan werden“ reicht, und schon hat man den virtuellen Draht zu Günter Wallraff. Sofort jedes neue Statusupdate in deiner Timeline. Sofort einen Eintrag an seiner Pinnwand. Sofort – halt. Facebook ist nicht Wallraffs bester Freund, wie es scheint. Eine Fanpage ist zwar vorhanden, aber Einträge gibt es von ihm dort noch keine. Dennoch:

„Langfristig sehe ich das Internet mehr als Chance, weil alles bekannt wird, auch im entferntesten Winkel der Welt, es gibt keine Geheimhaltung mehr. Andererseits ist es fast eine Wissenschaft, damit umgehen zu lernen. Und seriöse Quellen von Gerüchten, von Wahnwelten, von denen es nur so wimmelt, oder von von Interesse geleiteten Informationen unterscheiden zu können. Das müsste ein Schulfach in Schulen werden. Da kann man auch drin ertrinken und in dem Schummel untergehen und sich verirren. Dennoch finde ich, man muss lernen, damit umzugehen.“

Allerdings sieht Wallraff auch die Schwierigkeit, die Tageszeitungen durch die Internetkonkurrenz aufgetreten ist: „Qualitätszeitungen verlieren an Auflage.“ Es gibt laut Wallraff einen „Verdrängungswettbewerb“.

Wallraffs Bücher sind dennoch immer noch Bestseller. Auch wenn das nicht bei allen Büchern erwartet worden war: Niemand dachte, dass das Buch „Ganz unten“ erfolgreich werden würde. Wallraff kann nur vermuten, was den Reiz seiner Bücher ausmacht:

„Es ist nicht das Thema an erster Stelle bei mir: Es ist auch, glaube ich, wie ich mich dafür verbürge, wie ich es selber auch betreibe. Manche werfen mir vor: Das ist kein richtiges Sachbuch. Doch, es ist auch ein Sachbuch, ich muss jeden Fakt notfalls vor Gericht belegen. Ich brauch‘ Zeugen, ich kann nichts schreiben, was ich vielleicht weiß, aber nicht beweisen kann. Es ist nicht nur ein Sachbuch, es ist ein erlebtes, erlittenes Buch. Es gibt Stellen, da können welche lachen und weinen, und das wurde mir zum Vorwurf gemacht, dass man mit dem Buch auch noch Gefühle auslöst. Ich habe mich beim Schreiben auch nicht verstellt; ich spreche vor zehn Leuten nicht anders als vor tausend. Und so empfinde ich, und so rede ich, und das bin ich. Vielleicht überträgt sich das auf den Leser.“

Die Zitate dieses Portraits sind einem Interview mit Günter Wallraff am 21. Jänner 2010 entnommen. Größtenteils wurde dieses von Anja Reiter geführt. Zum Nachhören gibt’s das Interview hier. Danke!
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4 Kommentare zu “Peter Lustig für Große: Günter Wallraff. Ein Portrait.

  1. Gutes Zusammenfassung. Dein kleines Porträt zeigt ziemlich gut, worum es Wallraff geht und vorallem was Wallraff ausmacht.
    lg Peter

    • Dankeschön, Peter! Ein Lob erfreut. Aber ich habe natürlich auch viel derjenigen zu verdanken, die das Interview geführt hat. Wären die Fragen nicht so gut gewesen, wären natürlich auch die Zitate Wallraffs nicht so schön geworden.
      LG retour!

  2. Gute Arbeit, Chrissi! Vor allem der Anfang, wie du ihn beschreibst, gefällt mir gut. Hut ab!
    Und danke für die Erwähnung, sehr lieb! War schon ein lustiger Abend, oder? Besser gesagt eine lustige Nacht. 🙂

    • Danke 🙂 Und klar muss ich dich erwähnen, ohne dich wär ja aus alle dem nix geworden 😉 War allerdings ein sehr lustiger Abend! Da fällt mir ein, ich schulde dir ja noch Euronen! 2,70 €, um genau zu sein…Hach, lass mich das nicht vergessen, wenn wir wieder FH haben!
      GlG!

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