
[1] – wie eine lehrerin
es gibt auch noch hilfsbereite menschen. nette menschen, freundliche menschen, herzensgute menschen. einer davon fuhr gestern mit mir im gleichen zug. dunkelbraunes haar, adrettes, dunkelblaues kostüm und ein gesicht, das einer lehrerin hätte gehören können – nicht, weil es sorgenzerfurcht und grimmig gewesen wäre, nein, die assoziation machten andere faktoren aus – eine gewisse strenge lag in den langsam kommenden fältchen, weisheit aus erfahrung in den hellen augen. und, nicht zu vergessen, die hornbrille.
doch auf den ersten blick war mir das alles noch gar nicht aufgefallen. mein interesse galt hauptsächlich meinem noch nicht vorhandenen zugticket, als ich sie ansprach. “‘Tschuldigung, könnten Sie mir mit dem Handyticket helfen?”
und die odyssee begann.
[2] – die technik is a hund
die schaffnerin war tatsächlich etwas anders als andere: sie kannte sich mit handytickets aus. zwar kämpfte sie etwas mit ihrem säckel am jackett, als sie die streichholzschatelformatige anleitung herausholen wollte (“Da tut man alles hinein, damit man’s schnell bei der Hand hat, und dann geht’s Ihnen so…”), nahm dies aber mit humor. und schon während sie noch am inhalt der tasche herumzupfte, begann sie zu erklären, was ich zu tun hätte. kompetent und gut, wie man es selten von schaffner/innen hört. frohen mutes alles notwendige in smartphone eingetippt und die sms abgesandt, ging ich auf den zugeinstieg zu, während sie mir noch nachrief: “Ich komm dann zu Ihnen, wenn’s nicht funktioniert, schau ich’s mir noch mal mit Ihnen an!” danke! echtes kundeninteresse und herzlichen service gibt’s wahrlich nicht immer bei den öbb.
genauso wenig wie funktionierende technik. von meiner seite hatte ich alles korrekt gehandhabt – trotzdem keine rück-sms mit bestätigung, dass ich nun stolze besitzerin ein zugtickets von graz nach puch bei hallein sei. sehr suspekt, gleich ein zweiter versuch, vielleicht war ja der ortsname schuld, den man (aufgrund doppelnamens) auch anders schreiben könnte. zweite sms, dritte sms. nichts zurück.
[3] – meine daten geb ich gerne her
inzwischen kommt frau schaffnerin einmal vorbei: ob denn alles funktioniere. nein, gar nix…na dann komme sie eben später wieder vorbei. geduldiger mensch.
ein abstecher auf die homepage der öbb verrät mir, dass mein geliebtes netz “drei” daran schuld sei. herrrrrrlich -.-
na was soll’s. anmeldung bei paybox, dann sollte es trotzdem funktionieren. ein hoch auf mein black magic, auf 3G und zumindest meistens funktionierendes internet. so, anmelden, daten herschenken, sms mit code erhalten, anruf erhalten und code eintippen, registrierung abschließen – juhu, ein weiterer datenschutzschreck hat meine daten. egal – ich hab dafür nun bald mein ticket.
[4] - Halt! Noch net!
DENKSTE! Ha! der ticketservice hat noch einen trick auf lager! trotz registrierung bekomm ich keine rück-sms, nicht nach ein mal senden, nicht nach zwei mal senden. fein. inzwischen sind wir in leoben.
die schaffnerin, die ich ab nun gedanklich nur mehr “personifizierte geduld” nenne, meint, im selzthal könne ich versuchen, am automaten ein ticket zu kaufen, dort stünde der zug etwas länger. erst kauf ich mir aber noch mit den resten des geldes, das ich bei mir habe, ein ticket bis selzthal. dort angekommen, renn ich aus dem zug, ein kleines try-and-error ritual mit bankomatkarte am ticketautomaten, und ich renn wieder in den zug, der schon losgefahren wäre, wäre nicht meine lieblingsschaffnerin laut rufend und mit händen wachelnd dort gestanden: “Halt! Noch net!” mein gepäck und ich danken’s ihr…
[5] – mal drüber reden
“Und, hat’s geklappt?” nein, liebe Frau Geduld, zu wenig geld auf der karte…ich schäm mich schon fast vor ihr. “Gehen’s mal wieder zu Ihrem Platz und tun verschnaufen, ich komm dann später zu Ihnen und dann reden wir drüber!” – eine wie keine. wir reden drüber! nicht: “Und dann schreib ich mir Ihre Daten auf.” ein stein plumst aus etwa 1,25 m zu boden…
[6] – das will sie mir nicht zumuten
als sie schließlich in das abteil tritt, die fahrscheine einiger gäste kontrolliert und zu mir kommt, hab ich schon eine lösung: mein freund kauft das ausstehende ticket, und in hallein gibt’s die feierliche übergabe! die schaffnerin scheint erleichtert. sie hatte sich vorher schon verschwörungshaft nahe an mich angenähert um mir, wie mir scheint, zu verkünden, ich solle doch einfach ohne ticket bis zu meiner destination fahren (was ihr, wenn es das gewesen sein sollte, sichtlich nicht leicht gefallen wäre)…
doch dank der gefundenen lösung sieht die dame beruhigt und ungespielt glücklich aus. so ehrlich mitfühlend ist wirklich selten jemand, den man erst ein paar stunden kennt und der noch dazu eigentlich dazu da ist, einem geld abzuknöpfen. zum schluss verrät sie mir noch, dass die andere lösung ein erlagschein gewesen wäre, mit dem ich acht euro mehr gezahlt hätte: “Aber das wollt ich Ihnen dann auch nicht zumuten!”
es gibt wirklich noch gute menschen. in hallein schließlich verabschiede ich mich mit einer umarmung – manchmal überkommt’s einen halt einfach…
bittersuessse gruessse
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Veröffentlicht in aus einem bittersuesssen leben
Schlagwörter: alltag, bahn, db, handyticket, hilfsbereitschaft, oebb, schaffner, schaffnerin, zivilcourage, zug